Warum meditieren? Die 3 Ebenen, die die meisten Antworten ignorieren

Ein Teilnehmer erzählte in einem unserer Live-Calls, wie seine Praxis aufgehört hatte. Nicht nach einer Krise, sondern mittendrin im Guten:

„Das war so ein schleichender Prozess, der dann irgendwie so eingesetzt hat, weil es funktionierte alles, es war alles super, ich habe mich super gefühlt. Mein Umfeld hat mir gespiegelt, dass ich ein ganz neuer Mensch bin.“

Erst beim nächsten Tief fiel ihm auf, was gefehlt hatte.

Ich höre das oft, und es hat selten mit Disziplin zu tun. Wer meditiert, um Stress loszuwerden, hat sein Ziel erreicht, sobald der Stress nachlässt. Die Praxis hat dann ihren Auftrag erfüllt — bis das Leben das nächste Mal nachlegt. Das Motiv, mit dem jemand anfängt, entscheidet also mit darüber, wie lange er bleibt.

Die üblichen Antworten, und was sie auslassen

Wer „warum meditieren“ googelt, bekommt Listen. Elf Gründe, dreißig, neunundneunzig. Inhaltlich sind sie selten falsch: weniger Stress, besserer Schlaf, mehr Konzentration. Als Einstieg taugt das.

Was in diesen Listen nicht vorkommt, ist die Frage, wie lange ein Grund trägt. Dass Dranbleiben das eigentliche Problem ist, lässt sich an der Forschung zu Achtsamkeits-Apps ablesen: Eine Übersichtsarbeit über 70 randomisierte Studien mit 9.258 Teilnehmenden fand eine mittlere Abbruchquote von 24,7 Prozent; betrachtet man nur die größeren Studien, waren es 38,7 Prozent (Linardon, 2023). Das misst den Ausstieg aus einer Studie, nicht aus der Praxis, und es misst Apps, nicht Meditation allgemein. Aber es ist der Teil, über den die Gründe-Listen schweigen.

Meine eigene Beobachtung aus Klinik und MBLM-Kurs deckt sich damit: Eine Praxis, die auf einem einzigen Motiv steht, hält genau so lange wie dieses Motiv.

Was die Forschung über die Gründe zeigt

Peter Sedlmeier, Psychologe an der TU Chemnitz und Ko-Autor unserer eigenen Studien, ist dieser Frage gemeinsam mit Jan Theumer nachgegangen. Zuerst befragten die beiden Meditationslehrende, warum Menschen anfangen und warum sie bleiben; zusammen mit der vorhandenen Literatur ergab das eine Liste von 77 verschiedenen Gründen. Anschließend bewerteten 245 Meditierende, wie stark jeder einzelne auf sie zutrifft — 49 von ihnen übten seit weniger als einem Jahr (Sedlmeier & Theumer, 2020).

Die Zahl selbst ist schon eine Antwort: 77 Gründe, wo die meisten Artikel mit sieben auskommen.

Die Ergebnisse sind allerdings anders ausgefallen, als man es erwarten würde. Gefragt, warum sie heute noch üben, nannten die Erfahrenen zwei Dinge am häufigsten: persönliche Entwicklung — und zur Ruhe kommen. Spirituelle Erfahrungen und Einsichten landeten im Mittelfeld, körperliche Beschwerden zu überwinden ganz unten. Und schaut man, wie sich die Gründe derselben Menschen über die Jahre verschoben haben, sind ausgerechnet die klassischen spirituellen Motive am Anfang stärker gewesen als heute. Zugenommen hat, was die Autoren selbst „recht pragmatisch“ nennen: etwas Sinnvolles mit der eigenen Zeit anfangen, das Leben genießen, besser schlafen. In derselben Gruppe stehen allerdings zwei Dinge, die ich nicht pragmatisch nennen würde — die Schönheit der Natur bewusst wahrzunehmen, und Entsagung zu üben.

Noch eine Zahl, die die bequeme Erzählung stört. Erfahrene und Anfänger unterscheiden sich in ihren Gründen deutlich (die Übereinstimmung liegt bei r = .72) — aber vergleicht man die Anfänger nur mit jenen Erfahrenen, die keinen spirituellen Hintergrund haben, steigt die Übereinstimmung auf r = .86. Die Autoren ziehen daraus einen klaren Schluss: Der Unterschied lässt sich nicht der Praxiserfahrung zuschreiben, sondern eher dem spirituellen Hintergrund, den jemand ohnehin mitbringt.

Eine Einschränkung gehört zu all diesen Zahlen, und sie wiegt schwer. Gefragt wurde mit festen Formulierungen, die über die Jahre gleich bleiben. Nun kann sich aber ändern, was jemand unter „persönlicher Entwicklung“ versteht: Für den einen heißt das, seltener wütend zu werden; für den anderen gehört die Fähigkeit zu einem Mitgefühl dazu, das keine Bedingungen stellt. Der angekreuzte Satz bleibt in beiden Fällen derselbe, und der Fragebogen sieht die Verschiebung nicht. In der Methodenforschung heißt dieses Phänomen response shift; den Fall, in dem sich der Begriff selbst verändert, nennen Sprangers und Schwartz (1999) Rekonzeptualisierung.

Bezeichnend ist, dass „persönliche Entwicklung“ bei Sedlmeier und Theumer zu den Blöcken gehört, die sich in das etablierte Schema der Meditationsmotive gerade nicht einordnen lassen. Der Block besteht in ihrer Auswertung aus drei Punkten: persönliche Entwicklung, innere Klarheit erfahren, den eigenen Geist mit neuen positiven Gedanken und Bildern vertraut machen. Was damit gemeint ist, bleibt offen. Eine Verschiebung ins Transzendente würde sich in solchen Zahlen also eher verstecken als zeigen.

Es gibt also möglicherweise keine Treppe, die man durch langes Üben hinaufsteigt. Was es gibt, ist eine erstaunliche Bandbreite an Gründen — und die Erkenntnis, dass die Gebliebenen nicht wegen Erleuchtung geblieben sind.

Für mich ordnen sich diese 77 Gründe in drei Richtungen. Die Einteilung ist nicht meine Erfindung: Sie entspricht weitgehend einem Schema, das die Meditationsforschung schon lange verwendet — Selbstregulation, Selbsterkundung, Selbstbefreiung (Shapiro, 1992) — und auf das sich auch Sedlmeier und Theumer beziehen. Was die Studie nicht sagt, ist, welche Richtung bei wem überwiegt.

Ebene 1: Weg von etwas

Die erste Richtung kennt jeder, und sie ist völlig legitim. Der Nacken ist hart, die Nächte sind kurz, abends läuft im Kopf noch das Meeting weiter. Meditation soll das leiser machen.

Dass sie das kann, sehe ich in meiner psychotherapeutischen Arbeit täglich. Wie weit die Wirkung bei einer reinen Sitzmeditation reicht, ist in der Forschung allerdings offener, als die Ratgeber nahelegen — eine Auswertung von 19 randomisierten Studien fand 2021 keine gesicherte Wirkung auf die Herzratenvariabilität in Ruhe (Brown et al., 2021). Wir haben das für ein ganzes Programm statt für eine einzelne Technik untersucht; wie das ausging, steht in Nervensystem beruhigen mit Meditation.

Das Motiv selbst hat eine eingebaute Schwäche. Es lebt vom Leidensdruck und verliert seine Kraft in dem Moment, in dem es wirkt — das ist dem Teilnehmer aus dem Live-Call passiert. Deshalb ist eine Praxis als Notfallkoffer schlecht aufgehoben. Sie trägt mehr, wenn sie ein Puffer für die guten und die schweren Tage ist.

Bemerkenswert bleibt, dass genau dieses Motiv bei den Erfahrenen in der Chemnitzer Untersuchung nicht verschwindet. Zur Ruhe kommen stand bei ihnen ganz oben. Es ist nur selten das Einzige.

Ebene 2: Hin zu dir

Die zweite Richtung zielt nicht darauf, etwas loszuwerden, sondern darauf, dich selbst genauer zu kennen — und zu bemerken, wo dein Verhalten und das, was dir wirklich wichtig ist, auseinanderlaufen.

Merkbar wird das in Sekunden, mitten im Streit. Du spürst die Enge im Brustkorb, der Satz liegt schon fertig auf der Zunge, und diesmal bemerkst du ihn, bevor er heraus ist. In diesem schmalen Moment hast du eine Wahl, die du vorher nicht hattest. Er entsteht nicht durch Einsicht; er entsteht durch Wiederholung, und er wird mit den Monaten breiter.

Dass an dieser Stelle viel in Bewegung kommt, haben wir selbst untersucht, allerdings an einem bestimmten Zugang dazu: an einer angeleiteten Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensführung. Gemeinsam mit Karin Matko und Peter Sedlmeier haben wir 57 Menschen ohne regelmäßige Yoga- oder Meditationspraxis per Los auf vier Gruppen verteilt, die acht Wochen lang übten: Mantra-Meditation allein, Meditation mit Körperpraxis, Meditation mit ethischer Schulung oder das vollständige MBLM-Programm.

57 Menschen klingt wenig, aber die statistische Kraft in dieser Studie kommt aus der hohen Messwiederholung: während viele Studien 3 Messpunkte haben (vorher, nachher, follow-up), haben wir die Kernparameter täglich untersucht (mit bis zu 80 Messpunkten pro Person).

Am deutlichsten stieg das Wohlbefinden dort, wo Meditation mit der Lebensethik des Yoga (wie im MBLM) verbunden war; nach dem Maßstab unserer Studie war dieser Effekt moderat. Wer nur meditierte, veränderte sich kaum (Matko et al., 2021).

In der Lebensethik + Meditations-Gruppe war außerdem der Austausch am lebendigsten; diese Teilnehmenden gründeten sogar eine eigene Meditationsgruppe und trafen sich weiter, als die Studie längst vorbei war.

Ebene 3: Über dich hinaus

Die dritte Richtung ist die, die in den Gründe-Listen nur manchmal auftaucht: eine Motivation, die das eigene Leben trägt, ein tieferer Einblick in die Zusammenhänge, Mitgefühl, das nicht an Sympathie hängt.

Hier ist die Versuchung groß, sie zur Krone des Ganzen zu erklären. Die Daten aus der genannten Studie geben das nicht her. In der Chemnitzer Untersuchung lagen spirituelle Gründe fürs Weitermachen im Mittelfeld, und innerhalb derselben Menschen waren sie am Anfang sogar stärker als heute. Diese Richtung ist kein Gipfel, auf den man sich hinaufübt. Sie ist eher etwas, das jemand mitbringt — oder nicht.

Was auf dieser Ebene tatsächlich wächst, ist eine Verbundenheit: mit anderen Menschen, mit Tieren, mit der Natur. Daraus entsteht ein Mitgefühl, das irgendwann aufhört zu fragen, ob jemand es verdient hat, und ein Wunsch, anderen Wesen zu dienen, der sich nicht nach Pflicht anfühlt, sondern nach dem Naheliegenden. In der Lehre, in der ich gelernt habe, wird das nicht als Leistung beschrieben, sondern als etwas, das im Bewusstsein ohnehin angelegt ist: eine Glückseligkeit, die nicht von außen kommt. Die Verbundenheit ist ihr Ausdruck und zugleich ihre Quelle.

Das ist keine romantische Zutat. In der Chemnitzer Untersuchung bildet genau dieser Bereich einen eigenen, klar abgegrenzten Themenblock unter den Gründen fürs Weitermachen: mehr Mitgefühl für andere, zum Wohl aller fühlenden Wesen, das Herz öffnen, sich der Umgebung mehr öffnen.

Dass die Gefühle dabei ruhiger werden, ist eher ein Nebeneffekt als das Ziel. Die Wut kommt noch, die Trauer auch, und das ist gut so, denn wir wollen lebendig sein. Sie reißen einen nur nicht mehr mit.

Mein eigener Grund liegt maßgeblich auf dieser Ebene und vertieft sich mit und möglicherweise durch die weitere Praxis.

Es gibt keine Rangordnung

Niemand ist weiter, weil er die dritte Richtung benennen kann, und Ruhe zu suchen ist kein kleineres Motiv — es ist das, was die Erfahrenen in der Untersuchung bis heute am stärksten nennen.

Was die drei Richtungen verbindet, ist etwas anderes als eine Reihenfolge: Sie stützen sich gegenseitig. Ein beruhigtes Nervensystem macht den schmalen Moment zwischen Reiz und Reaktion überhaupt erst wahrnehmbar. Wer dort anders handelt, erlebt sich selbst anders. Und aus diesem veränderten Kontakt mit sich entsteht der Boden, auf dem das Dritte sich zeigen kann, falls es sich zeigt.

Deshalb arbeitet die Meditationsbasierte Lebensstilmodifikation (MBLM) nicht mit der Meditation allein, sondern verbindet sie mit Körper- und Atemübungen und mit der Lebensethik als Klärung der eigenen Werte. Was dabei herauskommt, ist eine eigene Frage — die beantworte ich in Was bringt Meditation wirklich?.

Was das für deine eigene Antwort bedeutet

Dein Warum muss nicht größer werden, um zu tragen. Es hilft schon, es zu kennen.

Schreib in einem Satz auf, warum du meditierst oder meditieren möchtest, so unspektakulär wie er ist. Lies ihn in ein paar Monaten noch einmal. Dass er sich verändert hat, ist kein schlechtes Zeichen; in der Chemnitzer Untersuchung hat er sich bei fast allen verändert.

Prüf dann, ob dein Satz auch an einem ruhigen Tag gilt. Falls nicht, lohnt sich ein zweiter daneben, der nichts mit einem Problem zu tun hat — er muss nicht groß sein, „weil es mir mit mir selbst besser geht“ genügt.

Und halte die Praxis so klein, dass sie einen gewöhnlichen Tag übersteht. Das Warum trägt den Anfang; getragen wird der Rest von der Wiederholung.

Häufige Fragen

Warum sollte ich überhaupt meditieren?

Weil Meditation an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzt: Sie beruhigt das Nervensystem, sie schafft Abstand zwischen einem Reiz und deiner Reaktion, und sie öffnet bei manchen Menschen einen Kontakt zu einer Ebene, die von der Tagesform unabhängig ist. Zu mehr Kontakt mit sich selbst und vielleicht zu dem „Größeren“ in dir und der Welt. Welcher dieser Gründe für dich zählt, darfst du offen lassen, bis du es selbst gemerkt hast.

Nein. Die Erfahrenen in dieser Untersuchung nannten persönliche Entwicklung und zur Ruhe kommen als wichtigste Gründe fürs Weitermachen; spirituelle Gründe lagen im Mittelfeld. Wer keinen spirituellen Hintergrund mitbringt, unterscheidet sich in seinen Gründen kaum von einem Anfänger — und übt trotzdem weiter.

In unserer eigenen Studie lagen zwischen Beginn und messbarer Veränderung des Wohlbefindens acht Wochen täglicher Praxis. Für den Anfang zählt weniger die Länge der einzelnen Sitzung als die Frage, ob sie auch an einem vollen Tag stattfindet.

Frau meditiert im Schneidersitz mit geschlossenen Augen

Wenn du es selbst ausprobieren möchtest

Im kostenlosen Minikurs Ein Mantra für deine Seele lernst du in sieben Tagen eine Form der Mantra-Meditation kennen, mit der wir in MBLM arbeiten, zehn Minuten am Tag.

Falls dich eine der drei Richtungen besonders angesprochen hat: Zur ersten passt Nervensystem beruhigen mit Meditation, zur zweiten Spiritualität im Alltag leben: Warum Wissen allein nicht reicht.

Über den Autor

Priv.-Doz. Dr. med. Holger C. Bringmann ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Arzt für Naturheilverfahren und ayurvedischer Lebensstilberater. Er leitet eine integrative psychiatrische Tagesklinik und hat sich an der Charité – Universitätsmedizin Berlin habilitiert. Seine Forschung zur Meditationsbasierten Lebensstilmodifikation (MBLM) wurde in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Er meditiert seit über 25 Jahren und hat mehrere Jahre in direkter Meisterlinie in Indien gelernt.

Dr. Holger Bringmann am Laptop für ein Gespräch

Literaturverzeichnis

  • Sedlmeier, P., & Theumer, J. (2020). Why Do People Begin to Meditate and Why Do They Continue? Mindfulness, 11(6), 1527–1545. https://doi.org/10.1007/s12671-020-01367-w
  • Linardon, J. (2023). Rates of attrition and engagement in randomized controlled trials of mindfulness apps: Systematic review and meta-analysis. Behaviour Research and Therapy, 170, 104421. https://doi.org/10.1016/j.brat.2023.104421
  • Matko, K., Sedlmeier, P., & Bringmann, H. C. (2021). Differential Effects of Ethical Education, Physical Hatha Yoga, and Mantra Meditation on Well-Being and Stress in Healthy Participants: An Experimental Single-Case Study. Frontiers in Psychology, 12, 672301. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.672301
  • Shapiro, D. H. (1992). A preliminary study of long-term meditators: goals, effects, religious orientation, cognitions. Journal of Transpersonal Psychology, 24, 23–39.
  • Sprangers, M. A. G., & Schwartz, C. E. (1999). Integrating response shift into health-related quality of life research: a theoretical model. Social Science & Medicine, 48(11), 1507–1515. https://doi.org/10.1016/S0277-9536(99)00045-3
  • Brown, L., Rando, A. A., Eichel, K., Van Dam, N. T., Celano, C. M., Huffman, J. C., & Morris, M. E. (2021). The Effects of Mindfulness and Meditation on Vagally Mediated Heart Rate Variability: A Meta-Analysis. Psychosomatic Medicine, 83(6), 631–640. https://doi.org/10.1097/PSY.0000000000000900